Nach dem Scheitern der Jamaica-Verhandlungen Ende letzten Jahres haben sich die Genossen der SPD endlich dazu durchgerungen, für Koalitionsverhandlungen mit der CDU zu stimmen. Mit dem Beginn der Sondierungsgespräche stehen denn auch alle Zeichen wieder auf Große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD. Dennoch liegen die Dinge diesmal, zumindest oberflächlich, anders.

Seit Monaten werden Stimmen laut, welche die Neuauflage der „GroKo“ als den Anfang vom Ende der Merkel-Ära betrachten wollen. Seit der Bundestagswahl im September wurden diese Stimmen immer penetranter. #Angela Merkel wird Amtsmüdigkeit und geschwächte Unterstützung aus der Basis nachgesagt.

Dass die SPD nur mit Ach und Krach für die #GroKo gestimmt hat, deutet ebenfalls darauf hin, dass Merkel bei weitem nicht mehr die unanfechtbare Kontrolle über ihre Koalitionspartner hat, wie in den Jahren zuvor.

Doch diese Behauptungen entsprechen nur teilweise der Wahrheit. Vor allem – sie unterschätzen Angela Merkel. Wie die Geschichte ihres politischen Werdegangs und ihrer Kanzlerschaft zeigt, ist dies ein schwerwiegender Fehler.

In einer GroKo, in der beide Akteure bei den Bundestagswahlen schmerzhafte Verluste eingefahren haben, kann keine Seite einen wirklichen Führungsanspruch für sich behaupten. In diesem Falle spielt dieser Umstand der SPD in Arme, denn eine relativ geschwächte CDU ließe ihr mehr Spielraum bei Koalitionsgesprächen und der Besetzung möglicher Ressorts. Dies könnte wiederum dazu beitragen, der neuen GroKo einen SPD-Stempel aufzudrücken.

Top Videos des Tages

Mag gut sein, dass dies mitunter auch ein Grund dafür war, dass die Genossen auf ihrem Parteitag letztlich den Weg für eine GroKo freimachten.

Auch wenn die SPD meint, ihre Chance gewittert zu haben – Merkel wird diese Phase der relativen Schwäche auch überstehen. Zwar war der Kanzlerin laut eines „Bild“-Berichts schon nach dem Scheitern der Jamaica-Gespräche klar, dass Führungspersonen des potentiellen Koalitionspartners FDP sie „weghaben" wollten. Aber trotzdem gibt es keine Personalie, die ihr innerhalb der eigenen Reihen gefährlich werden könnte. Seit längerem gehandelte Kandidaten für die Entthronung Merkels sind Julia Klöckner, Ursula von der Leyen und besonders Jens Spahn, der als rhetorisch begabter Kommentator durch Talkshows tingelte und sich so einen Namen als wertebewusster Anti-Merkel machte, vor allem im Bezug auf den wachsenden Einfluss des Islam in Deutschland.

Als Spahn im November 2015 ein Buch veröffentlichte, das Merkels „Wir schaffen das!“-Willkommenskultur kritisierte, war der Bruch mit der Kanzlerin perfekt.

Ob Merkel ihm diesen öffentlichen Stoß in den Rücken verziehen hat, ist nicht sicher. Merkel ist bekannt dafür, keine persönlichen Affronts zu vergessen und äußerst nachtragend zu sein, vor allem wenn ihre Autorität untergraben oder ihre Macht herausgefordert wird. Immer hat sie jedem Konkurrenten die Grenzen seiner Ambitionen aufgewiesen.

Christian Wulff, ab 2005 ein steigender Stern in der CDU und beliebter als Merkel, kann davon ein Lied singen. Er wurde von der Kanzlerin im Jahre 2010 als Bundespräsident nominiert. In Wulffs im Jahr 2014 erschienenen Buch „Ganz oben, ganz unten“, gibt der im Februar 2012 mit Schande zurückgetretene Altpräsident selber zu, die Frage warum ausgerechnet er und nicht die höher profilierte Ursula von der Leyen das Amt bekommen habe, nicht beantworten zu können. Statt seiner schmeichelnden Spekulation, seine Erfahrung hätte das Gefallen Merkels geweckt, scheint die machtpolitische Variante zutreffender: nach dem Rücktritt Roland Kochs und der Wahlniederlage von Jürgen Rüttgers war Wulff viel zu machtvoll und populär. Wulff wurde ins Schloss Bellevue wegkomplimentiert.

Diese Episode liegt einige Jahre zurückliegt, aber es gibt keinerlei Anlass zu zweifeln, dass Merkel es dieses Mal nicht schaffen würde, potentielle Konkurrenten aus der eigenen Partei kleinzuhalten.

Gleichzeitig gehen die Sozialdemokraten durch die schwächste Phase ihrer Geschichte. Bei der Bundestagswahl erreichten sie nur mit Mühe 20 Prozent der Stimmen. Einer neuen Umfrage nach ist die SPD nun auf magere 19 Prozent abgesackt – ein bürgerliches Misstrauensvotum zum Start der Koalitionsverhandlungen.

Wie glaubwürdig ist Schulz?

Einen großen Anteil an der existenziellen Krise trägt #Martin Schulz. Anfangs getragen von einer Welle der Euphorie, fehlte Schulz letztendlich das Charisma, die Führungskraft und der innerparteiliche Rückhalt, um sich gegen Merkel zu stellen. In der Tat reichte seine Autorität nicht einmal aus, um seine SPD-in-die-Opposition-Vision gegenüber seiner eigenen Partei zu behaupten.

Wie die vorherigen Jahre der GroKo bezeugen, hat die SPD einen hohen Preis dafür bezahlt, zusammen mit der CDU an der Macht gewesen zu sein. Sein Versuch, die SPD in die Opposition zu zwingen, wäre folgerichtig und mit Abstand die beste Option der Partei gewesen. Allerdings hatte er damit viele alteingesessene Kader vergrault. Die Tatsache, dass Schulz nun doch dem Druck der Genossen nachgegeben hat, macht ihn nur noch unglaubwürdiger, als er seit der Wahl ohnehin schon ist.

Aber auch die Genossen verfügen derzeit über keinerlei mutiges Führungspotential, um die SPD widererstarken zu lassen und Merkel in die Schranken zu weisen. Die Parteiführung in dieser Lage ist gewiss kein Honigschlecken und man fällt genauso schnell, wie man vorher aufgestiegen ist. Schulz selbst ist dafür das beste Beispiel. Im März letzten Jahres wurde er mit 100% der Stimmen zum SPD-Vorsitzenden gewählt, am letzten Parteitag erhielt er nur noch 56 Prozent Unterstützung für seine Koalitionspläne.

Momentan sieht es auch nicht danach aus, als ob jemand in der SPD Schulz offen herausfordern will. Sogar Sigmar Gabriel, lange Zeit der Vorzeige-Genosse mit hohen internen Beliebtheitswerten, steht kurz davor, von Schulz ins Abseits befördert zu werden.

Sind Merkels Tage gezählt?

Dennoch muss es bald einen Führungswechsel geben, wollen sich die Sozialdemokraten aus dem Umfragesumpf ziehen. Denn Schulz hat nicht nur sein persönliches und politisches Kapital verspielt, sondern auch das der Partei. Auch wenn es viele Genossen nicht wahrhaben wollen: ohne starke Führung wird die SPD wieder nur der Juniorpartner der CDU sein.

Die Bürger blicken skeptisch auf eine erneute GroKo-Legislaturperiode. Von der SPD ist wenig Initiative zu erwarten, doch auch die CDU wird unter Merkels anhaltender Dominanz leiden. Aber wer glaubt, dass deshalb Merkels Tage gezählt sind, sollte seinen Standpunkt nochmals überdenken. Man möge sich daran erinnern, wie Merkel einst ihren Ziehvater Helmut Kohl ins offene Messer laufen ließ und damit ihre Zähigkeit und Ambitioniertheit offensichtlich machte.

Nun da der Druck aus der Bevölkerung auf Merkels Politik steigt, wird sie diese Qualitäten wiedereinzusetzen wissen. Ohne Widerstand aus den Reihen der SPD wird es beim status quo der „eisernen Kanzlerin“ bleiben.