Um dem starken Andrang und steigender Unruhe an der Ausgabestelle der Essener Tafel Herr zu werden, entschieden sich die Verantwortlichen zu einer umstrittenen Maßnahme. Seit Dezember werden nur noch Deutsche als Neukunden aufgenommen. Damit verletzt diese Stelle nach der Meinung vieler einen der Grundsätze der Tafeln.

Hilfe seit 1993

Im Jahr 1993 gründete Sabine Werth in Berlin die erste Tafel. Heute ist die Organisation in ganz Deutschland weit verbreitet. Das Konzept der Tafel ist simpel: Abgelaufene und unverwertete Lebensmittel werden von Restaurants, Bäckereien oder Supermärkten bereitgestellt oder gespendet. Das Essen wird von Tafel-Mitarbeitern auf seine Qualität und Verwertbarkeit überprüft und anschließend sehr billig oder kostenlos an bedürftige Menschen an den Ausgabestellen verteilt.

Neben Arbeitslosen und Obdachlosen können zum Beispiel auch Geringverdiener oder Alleinerziehende einen Tafelpass beantragen. Neben vielen ehrenamtlichen Helfern beschäftigt die Tafel auch Ein-Euro-Jobber und Arbeitslose.

Kritik an Essener Tafel

Mit der steigenden Zahl von hilfesuchenden Flüchtlingen in Deutschland steigt auch die Zahl der Tafelkunden. In Essen entschied die entsprechende Stelle der Tafel, vorübergehend nur Neukunden mit deutschem Pass zu akzeptieren. Vorangegangen waren Unruhen bei der Ausgabe und die sinkende Zahl von Rentnern und Müttern, die sich teilweise von männlichen Flüchtlingen verunsichert fühlten. Sozialministerin Katarina Barley kritisierte diesen Lösungsversuch, sie sagte, es dürfe nicht nach Bevölkerungsgruppe oder Herkunft entschieden werden, wer Anspruch auf die Hilfe der Tafeln hätte.

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Auch der nordrhein-westfälische Sozialminister Karl-Josef Laumann bekräftigte: "Nächstenliebe und Barmherzigkeit kennen grundsätzlich keine Staatsangehörigkeiten".

Kritik auch von der Berliner Tafel

Auch intern wird das Vorgehen der Essener Tafel kritisiert. Gründerin Sabine Werth zeigte zwar Verständnis für die vorangegangenen Probleme, betonte aber, dass diese auch anders zu lösen seien. So könne in etwa ein anderes Ausgabesystem von vornherein Unruhen und Unsicherheit vorbeugen. Einer der obersten Tafelgrundsätze ist laut Werth: "Es geht uns um die Bedürftigkeit, nicht um die Herkunft". Im Falle einer Überforderung einzelner Stellen gäbe es Wartelisten, die aber für alle gleich seien und Nationalität oder Herkunft nicht miteinbeziehen. Damit stellt sich die Gründerin der Organisation eindeutig auf die Seite der einzelnen Bedürftigen und kritisiert die Entscheidung der Essener Tafel.