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Der zwölfjährige Junge betritt die Bühne im russischen "Park Patriot" in Uniform. Nach einem kurzen Loblied auf den russischen "Führer" und die Überlegenheit der russischen Nation fragt er in die Menge, was #Patriotismus bedeute. Ein ebenfalls uniformiertes Mädchen springt auf und ruft "Verantwortung für sein Land zu übernehmen". Anschließend schreit sie in die Menge "wollt ihr das?", woraufhin die mit einem vielstimmigen und langgezogenem "Jaaa" antwortet. Anschließend klatschen mehrere tausend "Jungarmisten" langanhaltend Beifall, viele rufen patriotische Parolen.

Russland im Jahr 2018 - was wie eine Szene aus scheinbar längst vergangenen, gespenstischen Zeiten wirkt, ist doch erschreckend aktuell.

Die Jugendlichen gehören zur paramilitärischen russischen Kinder- und Jugendorganisation "Junarmija" (Jugendarmee), die im Jahr 2016 durch einen Präsidentenerlass Wladimir Putins gegründet wurde. Diese Jugendarmee sollte tausende paramilitärische Jugendorganisationen bündeln, die seit Beginn der 2000er Jahre in Russland wir Pilze aus dem Boden schossen. Durch den Erlass sollte eine einheitliche patriotische und militärische Erziehung von Kindern und Jugendlichen im Alter von acht bis achtzehn Jahren gewährleistet werden. Das Ganze selbstverständlich staatlich überwacht und ganz im Sinne der russischen Führung um Wladimir Putin. Ausgeführt wurde die Gründung dann von Verteidigungsminister Sergei Schoigu; erklärtes Ziel dieser Organisation, die offen in der Tradition des ehemaligen sowjetischen Jugendverbandes Komsomol steht, ist "Unterricht in Patriotismus", die militärische Schulung der Jugendlichen sowie die Begeisterung für die russische Armee.

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Fackelmärsche und patriotische Parolen

An den - nicht wenigen - nationalen russischen Feier- und Gedenktagen marschieren die "Jungarmisten" in Reih und Glied und rufen patriotische Parolen. Nicht umsonst fallen die ersten Regierungsplanungen für die "Junarmija" in eine Zeit, in der Russlands scheinbar ewiger Führer Putin mit bröckelnden Umfragewerten und lauter werdender Kritik zu kämpfen hatte. In dieser Phase setzte er noch mehr als vorher auf Patriotismus und Nationalismus. Der vorläufige Höhepunkt dieser Bewegung war die völkerrechtswidrige Okkupation der ukrainischen Krim. Die reibungslos verlaufene und alle Beteiligten völlig überraschende Aktion, als Hunderte "höflicher grüner Männer" die strategisch wichtigen Punkte auf der Halbinsel besetzten und diese innerhalb weniger Tage komplett vom ukrainischen Mutterland abschnitten vereinte die meisten Russen in ihrem so empfundenen Kampf gegen "den Westen". Auch, dass Wladimir Putin die Weltöffentlichkeit über wahre Absichten und Herkunft der russischen Soldaten wochenlang belogen hatte, nahm ihm niemand übel.

Viel mehr erschien diese Taktik den meisten als äußerst schlau und der Zweck heiligt halt die Mittel.

Die Strategie hatte Erfolg: in den Wochen und Monaten nach der russischen Krim-Besetzung hatte Putin wieder Zustimmungswerte von nahezu einhundert Prozent, der Fokus der Russen lag nicht mehr auf den allgegenwärtigen Versorgungs- oder Infrastrukturmängeln, vielmehr durfte man wieder "stolz" sein auf die "neue russische Größe". Auffällig ist, dass gerade bei der russischen Jugend die Zustimmungswerte zu Putin um einiges höher sind als im russischen Durchschnitt. Nach einer aktuellen Umfrage stimmen rund 70% der Russen im Alter zwischen 18 und 30 ihrer Führung zu. Auch, dass - anders als in vielen anderen Ländern - das Fernsehen bei Jugendlichen höher im Kurs steht als das Internet, ist aus Regierungssicht gewünscht. Da relevante Regierungskritik im öffentlichen Fernsehen nicht stattfindet und viele kritische Webseiten abgeschaltet sind, bietet sich der russischen Führung somit ein hervorragendes Mittel, ihre Sicht zu verbreiten und die russische Jugend auf Staatslinie zu bringen.

Kampf gegen "den Westen" und "die anderen"

In dem vor kurzen für 300 Millionen Euro fertig gestellten "Patriot Park" - einer Art Disney World rund um alles Militärische - können sich nun tausende von jungen Patrioten in Marschieren, Salutieren, Schießen oder Panzerfahren üben. Während über Lautsprecher patriotische Lieder wie "Wir kehren zurück nach Odessa" erklingen, flanieren Eltern Hand in Hand mit ihren Kleinen vorbei an Speznas-Kämpfern, die das lautlose Töten demonstrieren. Außerdem können sich die lieben Kleinen in virtuellen Panzerschlachten üben oder russischen Soldaten im Einsatz aufmunternde Briefe schreiben. Möglich wird all dies, weil in der heutigen russischen Gesellschaft Kritik an der aktuellen Politik defacto nicht stattfindet. Kritische Stimmen wie jene von Valentina Melnikowa vom Komitee der Soldatenmütter Russlands, werden durch Denunziation als "ausländischer Agent" oder offene Drohungen ruhig gestellt. All diese Dinge führen fast zwangsläufig dazu, dass die "Junarmija" heute offiziell rund 200.000 Mitglieder hat - mit steigender Tendenz. Nach dem Willen der russischen Führung sollen diese zu "wahren russischen Patrioten" erzogen werden und später der russischen Armee dienen.

Kommentar des Autors:

Nun stellt sich die Frage, wie der Westen mit dieser Situation umgehen soll. Zum einen ist es wohl wichtig, den aktuellen russischen Konfrontationskurs auch offen als solchen zu benennen. Forderungen, man "müsse mit Russland reden" sind selbstverständlich völlig richtig, aber solche Binsenwahrheiten sind genauso überflüssig. "Geredet" wird mit Russland schon immer regelmäßig auf sämtlichen Kanälen. Das soll und muss auch so bleiben. Eine Strategie zur Überwindung des Kalten Krieges war ja, dass miteinander gesprochen wurde. Aber genauso wenig sollte in Vergessenheit geraten, dass der Westen mit dem damaligen Ostblock immer aus einer Postion der Stärke heraus diskutiert und verhandelt hat.

Von Menschen jedoch, die von klein auf in einem derart militaristischen Geist und mit einer Parolen wie „Wir wissen, wo die Feinde sitzen, warum sollen wir sie nicht beim Namen nennen?“ oder „Wir müssen auf alles vorbereitet sein, Russland darf dies aber nicht nach außen zeigen.“ erzogen werden (man könnte wohl zu Recht auch von einer gewissen Form der Gehirnwäsche sprechen) kann man später wohl nicht all zu viel Entgegenkommen erwarten. Offene Provokationen sind fehl am Platz, keine Frage - aber Unrecht ist klar als solches zu bezeichnen und westliche Unterwürfigkeit oder sogar Appeasement gegenüber des nationalistischen und aggressiven Kurses der russischen Führung ist definitiv der falsche Weg.