Mitte des Jahres 2015 schien eine Niederlage des syrischen Herrschers Baschar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg immer wahrscheinlicher zu werden. Die Truppen des syrischen Diktators waren ausgeblutet und erschöpft, seine zahlreichen Gegner eroberten Stadt um Stadt und fügten Assads Armee mehrere empfindliche Niederlagen bei. Nun ging es um die strategisch äußerst wichtige Stadt Dschisr al-Schughur, den Knotenpunkt zwischen Aleppo und Latakia. Wer diese Stadt kontrolliert, der kontrolliert den Zugang zur syrischen Küstenregion. Nachdem im April 2015 islamistische Rebellen mit Hilfe der Freien Syrischen Armee Dschisr al-Schugur eingenommen hatten, wurde die Situation für Assads Herrschaft immer brenzliger.

In diesem Moment befahl er dem damaligen Oberstleutnant Suheil al-Hassan die Rückeroberung der Stadt, "koste es, was es wolle".

Suheil al-Hassan - Kampfname "Tiger" - hatte ebenfalls eine Rechnung mit den Rebellen offen, waren es doch Regierungstruppen unter seinem Befehl, die wenige Wochen zuvor aus Dschisr al-Schugur vertrieben worden waren. Zwar konnte der "Tiger" sich mit Hilfe eines wirksam in Szene gesetzten Video-Telefonats mit dem damaligen syrischen Verteidigungsminister, in welchem er um Munition für seine verbliebenden 800 Soldaten bat, als Opfer widriger Umstände sowie angeblich unfähiger Politiker darstellen, trotzdem aber blieb die Niederlage von Dschisr al-Schugur ein Makel in der militärischen Bilanz dieses ebenso ehrgeizigen wie skrupellosen Armeeoffiziers.

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Angehöriger der syrischen Elite

Suheil al-Hassan wurde im Jahr 1970 in der Küstenstadt Jableh geboren. Wie Assad und die meisten Angehörigen der syrischen Führungselite ist auch er Angehöriger der Alawiten (einer Glaubensgemeinschaft des schiitischen Islam). Mit 21 Jahren schloß er erfolgreich den Lehrgang an der Militärakademie von Homs im Rang eines Leutnants ab und trat in eine Spezialeinheit der syrischen Luftwaffe ein. Anfang der 2000er Jahre wurde al-Hassan aufgrund seiner hervorragenden Leistungen zum Militärgeheimdienst versetzt und war dort unter anderem für die Infiltrierung und Überwachung der Al-Nusra-Front, des syrischen Al-Qaeda-Ablegers, verantwortlich. Bereits hier erwarb sich der junge Offizier einen Ruf als unerbittlicher und unbarmherziger Verteidiger des syrischen Regimes. Im Kampf gegen Al-Nusra ließ al-Hassan mehrere hundert tatsächliche oder vermeintliche Anhänger einsperren und foltern. Beeindruckt von seinen Leistungen, wurde er zum Oberstleutnant befördert und an die Spitze einer Spezialeinheit gestellt.

Diese Einheit, die SAA Special Forces, ist spezialisiert auf Guerillakampf sowie die Niederschlagung von Unruhen und war unter anderem für die Ermordung von Dutzenden als "unzuverlässig" verdächtigten Armeeangehörigen verantwortlich.

So brutal und rücksichtslos Suheil al-Hassan im Kampf gegen seine Gegner vorgeht, so umsichtig und klug plante er seine Karriere. Von Freunden wie Feinden wird er als äußerst intelligent und im privaten Umgang als liebenswürdig bis loyal beschrieben. al-Hassan liest gerne poetische Literatur und bezeichnet sich selber als "Mann mit einem Herz aus Stein und einem klaren Verstand, ruhig und besonnen wie der Ozean". Feinde lässt er vor Angriffen gerne über Lautsprecher mit selbstverfassten Gedichten beschallen, in denen er ihnen Tot und Vergeltung androht, seinen Sohn hat er nach eigener Aussage seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs nicht mehr gesehen.

Zum ersten Mal rückte al-Hassan in den Fokus des syrischen Diktators, als er zu Beginn der syrischen Proteste im Jahr 2011 auf der Militärflugbasis Mezzeh den Befehl gab, mehrere regimekritische Armeeoffiziere festzunehmen und hinzurichten. Später erhielt er mit seinen Männer die Aufgabe, Proteste gegen Assad gewaltsam niederzuschlagen. So wurde unter anderem berichtet, wie die Special Forces gegen Demonstranten in Daraa vorgingen und dabei in kurzer Zeit über 160 Menschen töteten. 2013 bewährte sich der "Tiger" zum ersten Mal militärisch. Die wichtige Stadt Ariha war von den Rebellen übernommen worden, er und seine "Tiger Forces" eroberten sie nach zehntägigen erbitterten Kämpfen zurück. Ein Jahr später wurde al-Hassan dann zum Militärkommandanten der Provinz Aleppo ernannt. Hier erwarb er sich den zweifelhaften Ruf als Erfinder der berüchtigten Faßbomben-Bombardements, bei dem pro Tag schätzungsweise 100 bis 200 Menschen - meist Zivilisten - getötet wurden. Diese Taktik trug schließlich maßgeblich dazu bei, die Rebellen aus Aleppo zu vertreiben.

Nach der erfolgreichen Rückeroberung von Dschisr auch-Schugur im Juni 2015 eilten die Truppen des "Tigers" schließlich von Sieg zu Sieg. Ermöglicht wurde dies entscheidend auch durch die Unterstützung Russlands ab August/ September 2015. Immer wieder waren es russische Flieger, die al-Hassan und seinen Männern den Weg frei bombten. Heute gilt der mittlerweile zum General beförderte al-Hassan bei seinen zahlreichen Anhängern als "bester Militärkommandant Syriens". Dazu kommt, dass er möglicherweise im Hintergrund durch Russland zum neuen syrischen Führer aufgebaut wird. Kurz vor der russischen Intervention im syrischen Bürgerkrieg verschwand er für einige Wochen aus der Öffentlichkeit. Nach seiner Rückkehr zeigte sich ein veränderter "Tiger": sein Äußeres wirkte moderner und vor den Kameras war er nicht mehr der grimmige "Krieger", sondern zeigte sich freundlich und sogar versöhnlich. Auch wurden er und seine Einheit auffallend oft von den russischen Beratern gelobt und hervorgehoben. Erst vor kurzem hielt der russische Präsident #Putin im syrischen Fernsehen eine Lobrede auf al-Hassan und seine Kämpfer.

So könnte es durchaus möglich sein, dass General Suheil al-Hassan dem syrischen Diktator schon bald gefährlich werden könnte. Nachdem die westlichen Mächte eine Fortsetzung von Assads Herrschaft mehrfach ausgeschlossen haben, dürfte es im Fall erfolgreicher Verhandlungen nötig sein, einen durchsetzungsfähigen Nachfolger zu präsentieren.

Was auch immer die Zukunft für das geschundene Syrien bereithält: der "Tiger" jedenfalls steht bereit.