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Es waren ein paar Monate der Hoffnung für die Mitarbeiter des Präsidenten: nachdem Ende Juli 2017 der neue Stabschef John Kelly im Weißen Haus einzog, schien - zumindest in Ansätzen - langsam so etwas wie Normalität und Professionalität einzuziehen. Kelly konnte Donald Trump zwar das Twittern und seine berüchtigten Ausfälle nicht komplett abgewöhnen, aber zumindest mäßigend wirken. Gleichzeitig schaffte er es, Hardliner in Trumps Umfeld ruhig zu stellen oder politisch auszuschalten, den Einfluss der Familie einzuschränken und die permanenten Intrigen wenigstens auf ein Minimum zu reduzieren.

Mittlerweile zeichnet sich jedoch ab, dass Kellys Einfluss auf den Präsidenten schwindet: erste Anzeichen für eine Abkühlung des Verhältnisses gab es kurz nach dem Jahreswechsel.

Mehrfach wurde berichtet, dass Trump die permanenten Zurechtweisungen durch seinen Stabschef leid wäre. John Kelly sorgte als ehemaliger Marine durch seinen autoritären Stil von Anfang an für ruhigeres Arbeiten im Weißen Haus, was Trump nach den chaotischen Anfangsmonaten durchaus gefiel. Ebenso warf Kelly mehrere Mitarbeiter raus, deren einzige Qualifikation darin bestanden hatte, mit dem Präsidenten befreundet zu sein oder irgendwann einmal für eines von dessen Unternehmen gearbeitet zu haben oder regelte strikt den Terminkalender des Präsidenten. Trump selber war am Anfang auch einsichtig, was sich jedoch relativ bald änderte. Er mag es nun einmal nicht, wenn ihm Dritte vorschreiben, was er zu tun oder zu sagen hat. Auch dann nicht, wenn es sich um einen ranghohen Soldat handelt, vor dessen Leistungen er am Anfang durchaus großen Respekt hatte.

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Bis vor kurzem allerdings nahm Trump seinen Stabschef öffentlich trotz allem in Schutz - auch mangels Alternativen.

Trumps fatale Twitter-Regierung

Selbstverständlich entscheidet der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in eigener Verantwortung. Im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger tut Donald Trump das offensichtlich nicht wohl überlegt und abgewogen auf Basis von Ratschlägen seiner Experten oder dem ausführlichen Lesen von Dossiers und Akten. Trump scheint nach Lust und Laune zu regieren - heute so, morgen so. Es sieht immer mehr danach aus, dass der aktuelle Führer der sogenannten Freien Welt seine Entscheidungen so fällt, wie es ihm gerade "richtig" erscheint - aus dem Bauch heraus und hauptsächlich danach, was bei seiner Basis gut ankommen könnte. Mal abgesehen davon jedoch, dass sich mit diesen maximal 30 bis 35% keine Präsidentschaftswahl gewinnen lässt, liegt genau dort das Problem: selbst treue Gefolgsleute sind zunehmend irritiert über das Hü und Hott im Weißen Haus.

Heute gegen stärkere Waffenkontrolle, dann wieder dafür und kurz darauf doch wieder dagegen.

Nicht einmal sein bis dahin trotz allem loyaler Justizminister Jeff Sessions ist sicher vor Trumps Angriffen: als Sessions den Generalinspekteur seines Hauses vor wenigen Tagen mit einer Untersuchung bezüglich angeblicher Lauschangriffe auf ehemalige Trump-Berater beauftragt hatte, twitterte Trump erbost, dass dessen Untersuchung "ewig dauern" werde und unterstellte, dass Generalinspekteur Michael Horowitz ein "Obama-Mann" sei (Obama hatte Horowitz im Jahr 2012 ernannt). Sessions war zu einer öffentlichen Erklärung gezwungen, dass er einen "angemessenen Prozess" zur Untersuchung der Vorwürfe eingeleitet habe. Solange er im Amt sei, werde er seine Pflichten "mit Anstand und Ehre" erfüllen. Unter seiner Führung werde das Justizministerium seine Arbeit in einer "fairen und unparteiischen Weise tun, die mit dem Gesetz und der Verfassung im Einklang steht". So deutlich und offen hatte sich der Justizminister bisher noch nie geäußert.

Die Familie schlägt zurück

Zu alledem wird immer deutlicher, dass sich Ivanka Trump und Jared Kushner nicht einfach mit ihrer drohenden Entmachtung abfinden werden. Sie sollen beim Präsidenten darauf drängen, dass er seinen Stabschef John Kelly absetzt. Beide nehmen Kelly die Entscheidung übel, Kushner aufgrund von FBI-Bedenken die höchste Sicherheitsfreigabe zu entziehen. Außerdem scheint die Entlassung von Sicherheitsberater McMaster unmittelbar bevor zu stehen. Über ihn hatte Trump sich aufgeregt, als dieser seinen Chef während der jüngsten Sicherheitskonferenz ziemlich unverhohlen kritisierte. McMaster hat bis dato zwar gute Arbeit geleistet, aber über allem anderem steht im Hause Trump halt Loyalität bis zur Unterwürfigkeit.

Die Probleme Trumps werden trotzdem nicht weniger - eher im Gegenteil. Die Entscheidung, Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium zu verhängen, war intern äußerst umstritten. Auch hier hatte Trump wiederholt zuerst andere Signale gesendet, um dann urplötzlich und für alle überraschend die Strafmaßnahmen zu verkünden. Mehrere hochrangige Mitarbeiter - darunter Gary Cohn, der Vorsitzende des Nationalen Wirtschaftsrats - fühlen sich zum wiederholten Male übergangen und denken über einen Rücktritt nach. "Es gibt keine Berechenbarkeit mit dieser Regierung", stöhnte der konservative Senator John Thune. "Jeder Tag ist ein Abenteuer für uns".

China und Russland reiben sich die Hände

Die Sprunghaftigkeit des Präsidenten hat mittlerweile ernste Konsequenzen: ein Drittel der US-Botschafterposten weltweit sind immer noch unbesetzt, auch in Innen- Wirtschafts- oder Außenministerium können zahlreiche wichtige Posten nicht vergeben werden. Der Grund hierfür ist schlicht, dass immer mehr Bewerber von sich aus absagen, weil sie negative Konsequenzen für ihre weitere Karriere befürchten. "Für diesen Präsidenten gearbeitet zu haben, wird später einmal nicht wirklich eine Empfehlung sein", so einer von Ihnen gegenüber der New York Times.

David Axelrod, der frühere Spitzenstratege Barack Obamas, formulierte deutlich: "Uns wurde zu Beginn immer gesagt, dass Chaos für Trump kein Problem sei und er daran gewohnt sei, so zu entscheiden." sagte er CNN gegenüber, "das mag ja funktionieren, wenn man überschaubares Family-Business macht, aber im wichtigsten Amt der Welt kann derartiges gravierende Konsequenzen haben"

Welche Konsequenzen das sein werden, wird man erst später sehen. China und Russland jedenfalls lehnen sich entspannt zurück: die beiden US-Rivalen können Trump in aller Ruhe dabei zusehen, wie er die US-Politik durch sein unkontrollierbares und irrationales Handeln weiter stilllegt. Selbst die EU ist wegen der neuen Strafzölle nur mäßig beeindruckt, denn die beiden größten europäischen Hersteller sind schon längst im US-Markt präsent und daher nur am Rande betroffen. Die Suppe auslöffeln dürfen dann Trumps Nachfolger.