Ein ganzes Jahr lang, saß der Journalist Deniz Yücel, ohne Anklage, in der Türkei in Untersuchungshaft. Am 14. Februar 2017 hatte sich der Korrespondent der Zeitung „Die Welt“ freiwillig der türkischen Justiz gestellt. Der Vorwurf: „Propaganda für eine Terrororganisation“ und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“ auf Grundlage einiger von ihm geschriebener Artikel. Mitte Februar kam er frei.

Zusammen mit seiner Frau gibt er jetzt das erste Mal ein Interview in Freiheit. Er erzählt auch, weshalb er sich gegen seine Freilassung zunächst gewehrt hat.

Der Journalist ist dankbar – dankbar für seine Frau die immer an seiner Seite stand, ihm sogar einen Heiratsantrag ins Gefängnis geschickt hatte, und für die große Unterstützung seiner Anwälte.

Die #FreeDeniz-Bewegung, seine Zeitung "die Welt" auch für die Kollegen der "taz" und diverse Solidaritätsanzeigen, Briefe und Preise. All diese Unterstützung gab ihm das Gefühl nicht vergessen zu sein.

„Völlig unübliche Wahlkampfhilfe.“

Auch hat Deniz Yücel der Bundesregierung für ihre Unterstützung gedankt, im gleichen Atemzug jedoch für ihre Türkei-Politik in der Vergangenheit stark kritisiert. „Grundsätzlich denke ich, dass die Regierung von Angela Merkel alle progressiven und demokratischen Kräfte in der Türkei zweimal verraten hat“, sagte er in dem Interview, welches am Sonntag wortgleich in den Zeitungen „Die Welt“ und „taz“ erschien.

So habe die Regierung Merkels auf der einen Seite, im Jahr 2005, die Position bezogen, die Türkei komme sowieso nicht in die EU, ganz egal, was sie tue.

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Obgleich damals die Zeichen in der Türkei noch auf Europäisierung gestanden hätten. Als zweiten Verrat zieht er Merkels Besuch beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 heran, kurz vor einer sehr wichtigen Wahl.

„Das war eine in der internationalen Diplomatie völlig unübliche Wahlkampfhilfe.“ Zudem sei laut Yücel die deutsche Regierung bis zu seiner eigenen Verhaftung die türkeifreundlichste innerhalb der EU gewesen - „auch als die Verhaftungen von Oppositionspolitikern und Journalisten begannen“.

Verfahren nicht eingestellt

Ob sich Deniz Yücel dem nächsten Gerichtstermin im Juni in der Türkei stellt, lässt er im Interview offen. Er sagt, er habe die Türkei nicht mit dem Gefühl verlassen "Bloß weg aus dieser ganzen Scheiße hier". Auch bei seiner Freilassung habe er keine Eile gehabt, das Land zu verlassen. Die Ausreise mit einer Maschine der Bundesregierung hatte Deniz Yücel abgelehnt und ist anstatt dessen, einen Tag später, mit einem von seiner Zeitung gechartertem Flugzeug ausgereist.

Das Verfahren gegen Yücel jedoch läuft weiter. Bei einer Verurteilung drohen dem Journalisten zwischen vier und 18 Jahren Haft.