Die Zeiten in denen Bundeskanzlerin Angela Merkel viel zu lachen hatte, sind zweifelsohne lange vorbei. In dieser Woche ist die Liste der Merkelschen Baustellen nochmals um einiges länger geworden. Denn es ist nicht nur die öffentliche Stimmung gegen die Migrationspolitik der Kanzlerin gekippt und die ehemals solide Schwesterpartei CSU im vollen Aufstand gegen Berlin. Zu allem Überfluss kommen nun auch noch schlechte Nachrichten aus der Wirtschaft, denn das Ifo-Institut sieht für das laufende Jahr nur noch ein Wachstum von 1,8 Prozent – statt der im Frühjahr prognostizierten 2,6 Prozent.

Ähnlich ernüchternde Zahlen kommen auch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das immerhin noch ein Wachstum von 1,9 Prozent für wahrscheinlich hält – dies ist dennoch immer noch weit unterhalb der Schätzung der Bundesregierung von 2,3 Prozent.

Merkel steht nun gewaltig unter Druck, denn auch wenn die heimische Politik derzeit eher einem Schlachtfeld gleicht, so war zumindest eine solide Wirtschaft stets ein verlässlicher Lichtblick und Stütze zugleich für eine immer öfter schwächelnde Regierung. Das Ende des ökonomischen Booms könnte demnach das Zünglein an der Waage sein, welches den bis dato für sicher gehaltenen politisch-wirtschaftlichen Konsens den Todesstoß versetzen könnte.

Deutschlands Handel stockt

Der Hauptgrund für die lauen Wirtschaftsaussichten sind die von US-Präsident Donald Trump auferlegten Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus Europa sowie der zu eskalieren drohende Handelskrieg zwischen den USA und China. Aber Washington ist nicht der einzige verstimmte Handelspartner Deutschlands: Seit einigen Monaten sind die Beziehungen zu Saudi-Arabien äußerst frostig, dem wichtigsten Partner Berlins im Nahen Osten, strategisch sowie handelspolitisch.

Nachdem der damalige Außenminister Sigmar Gabriel die Außenpolitik des Königreichs im November 2017 kritisiert hatte, verhängte Riad einen Vergabestopp gegen deutsche Firmen für Regierungsaufträge.

Für Deutschlands Unternehmen kommt dies zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Saudi-Arabien ist zu einem beliebten Investitionsziel aufgestiegen seitdem Kronprinz Mohammed bin Salman dem Land eine radikale soziale, ökonomische und politische Transformation verschrieben hat. In Anbetracht der Tatsache, dass der Ölreichtum des Golfstaates nicht ewig währen wird, muss sich Saudi-Arabien wirtschaftlich modernisieren und reformieren und braucht Investoren aus dem Ausland, um seine Abhängigkeit vom Öl zu überwinden. Auf diese Weise will die „Vision 2030“ genannte Politik alternative Branchen und Wirtschaftszweige ausbauen - zum Beispiel erneuerbare Energien – und so neue Arbeitsplätze schaffen. Das Königreich lässt sich dieses Projekt einiges kosten: Mit einem 109-Milliarden-Dollar-Programm strebt das Land an, bis 2030 Weltmarktführer im Bereich der Photovoltaik zu werden.

Deutschlands Firmen bleiben außen vor

Genau diese lukrativen Geschäftsmöglichkeiten drohen deutsche Firmen nun zu verpassen und damit auch die Chance, mit einem aktiven Anteil zur Reformpolitik der Saudis beizutragen. Dabei waren die bilateralen Beziehungen bisher ausgezeichnet. Die mehr als 800 deutschen im Golfstaat aktiven Firmen hatten mit Milliarden-Aufträgen gerechnet, die die Vision 2030 mit sich bringen würde – an und für sich angebrachte Hoffnungen, genießen deutsche Unternehmen doch ein hohes Ansehen bei den Saudis. Nicht von ungefähr wurde Deutschland traditionell als privilegierter westlicher Partner behandelt, der auch in der Umsetzung der Vision 2030 eine wichtige Rolle spielen sollte. So wurden deutsche Spitzenmanager in Schlüsselpositionen zur Realisierung der Wirtschaftsreformpläne angeheuert, unter anderem der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld als CEO eines besonderen Prestigeobjekts, der Zukunftsstadt Neom.

Daher ist es wenig überraschend, dass die deutsche Industrie Merkel auf eine baldige Beilegung des Disputes drängt. Immerhin stehen Milliardenaufträge und ein Handelsvolumen von mehr als 6,5 Milliarden Euro auf dem Spiel. Angela Merkel erklärte die Normalisierung der Beziehungen daraufhin kurzerhand zur Chefsache. Und die Chancen auf eine Schlichtung im Laufe des Jahres stehen in der Tat nicht schlecht. Der Grund: Saudi-Arabiens Öffnung und Wandel haben auch zur Folge, dass Riad mit sich reden lässt und wahrscheinlich durchaus ein hohes Maß an Kompromissbereitschaft an den Tag legen wird. Deutschland ist ein wichtiger Lieferant von Technik und Know-how, sodass eine rasche Lösung im Interesse beider Seiten ist.

Außerdem sind die Beschränkungen deutscher Firmen alles andere als in Stein gemeißelt. In der Tat sind diese eher von informeller Natur, weil kein offizielles Regierungsdekret veröffentlicht wurde. Wohl auch deshalb erhielten manche deutsche Unternehmen weiterhin Aufträge, während andere Konzerne bekannt gaben, keinerlei negative Auswirkungen auf ihr Geschäft verspürt zu haben. Trotzdem steht fest – der Kurs Berlins muss im Interesse aller involvierten Parteien korrigiert werden und die Bundesregierung ist gut damit beraten, auf Riad zuzugehen.

Eine Chance für Merkel?

Mit den vielen Krisenherden in Berlin wäre dies ein relativ einfacher Erfolg für Angela Merkel zu einer Zeit, in der sie mit dem Rücken zur Wand steht. In diesem Sinne ist die Verbesserung der deutsch-arabischen Beziehungen durchaus eine Chance für die Kanzlerin. Es würde ein starkes Signal an ihre Kritiker senden, ihre Position innerhalb der CDU festigen und sie dadurch in eine Position versetzen, in der sie den zu befürchtenden Bruch mit der CSU eher vermeiden kann.

Natürlich wäre die Signalwirkung auf die deutsche Wirtschaft ebenfalls maßgebend. Während Deutschland und die EU mit den Folgen der aggressiven Handelspolitik der Trump-Regierung fertig werden müssen, sollten unnötige Konflikte mit anderen wichtigen Handelspartnern tunlichst vermieden werden. Saudi-Arabien ist im Wandel begriffen und bringt lukrative Chancen zur Erweiterung der Handelsbeziehungen wie noch nie. Als eine der führenden Industrienationen der Welt darf Berlin es sich nicht erlauben, außen vor zu stehen.