Auch wenn das Chaos ins politische Berlin Einzug gehalten und es fest in seinem Griff zu haben scheint – der Wirtschaft geht es prächtig. Wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte, verzeichnete die deutsche Industrie im Mai einen überraschenden Auftragszuwachs von 2,6 Prozent im Vergleich zu April, dank steigender Konsumgüterproduktion. Besonders der Zuwachs an Aufträgen aus der EU kann sich mit einem Plus von 6,7 Prozent sehen lassen. Kein Wunder also, dass die Auftragssteigerung die ursprünglich erwarteten 1,1 Prozent weit überflügelte.

Alles gut also? Mitnichten. Ein wichtiger Konjunkturindikator ist nämlich deutlich gefallen: Aufträge aus dem Rest der Welt sanken im 1,3 Prozent.

Dies mag klein aussehen, deutet aber auf schwere Zeiten in der globalen Konjunktur hin. In der Tat ist der für Mai verzeichnete Anstieg eher symptomatisch für die Ruhe vor dem Sturm, denn einer soliden Basis der deutschen Wirtschaft. Dunkle Wolken ziehen schon seit einiger Zeit am Horizont auf und mit dem bejubelten Wirtschaftsaufschwung wird es spätestens zu Beginn eines echten Handelskriegs zwischen der EU und den USA, sowie den USA und China, vorbei sein.

Nur noch eine Frage der Zeit

Dieser Zeitpunkt ist schon näher als viele denken. Denn die Haupthandelspartner, die Trump nun attackiert, waren ihrerseits ebenfalls wenig zimperlich, in der Eskalationsspirale zurückzuschlagen. So gelten zum Beispiel seit dem 22. Juni die von der EU verordneten – und sehr symbolträchtigen – Vergeltungszölle gegen ur-typisch amerikanische Produkte wie Harley-Davidson-Motorräder, Whisky und Erdnussbutter, aber auch Eisen und Stahl.

Der Wert der betroffenen Produkte? Satte 2,8 Milliarden US-Dollar.

Auch wenn EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker diese Gegenmaßnahme als „stupiden Vorgang“ bezeichnete und mit der Bemerkung „so blöd müssen wir auch sein“ wenig überzeugend rechtfertigte, so sind diese 2,8 Milliarden Dollar ein relativ geringer Wert. Die neuesten Strafzölle der Amerikaner gegen mehr als 800 chinesische Güter belaufen sich immerhin auf einen Wert von rund 34 Milliarden Dollar. Diese kamen am 6. Juli in Kraft. Peking kündigte, wenig überraschend, ohne zu zögern Vergeltung [VIDEO] an, erhob Zölle auf US-Sojabohnen und Autos und warf US-Präsident Trump vor, den „größten Handelskrieg der Wirtschaftsgeschichte“ begonnen zu haben.

Ironischerweise ist es dieser Aspekt des Handelskrieges, der nun gravierende Folgen für die deutsche, bisher noch blühende Industrie hat, vor allem für die Autobranche. Führende Unternehmen wie Daimler und BMW haben ihre größten Exportfabriken in den USA, wobei der Großteil der dort produzierten Autos nach China exportiert wird.

Chinas Zölle auf aus den USA importierte Autos machen diese Fabriken auf einen Schlag unprofitabel.

Deutsche Unternehmen verlieren sogar doppelt im eskalierenden Handelsstreit. Da die USA und China für deutsche Unternehmen zwei der wichtigsten Handelspartner darstellen, „sind die neuesten Strafzölle der USA gegen China auch eine veritable Bedrohung für den noch andauernden weltwirtschaftlichen Aufschwung“, warnte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer.

Es wird eng

Hinzu kommt noch der absurd schlechte Zeitpunkt dieses Konfliktes. Deutschlands Industrie steht ohnehin schon gewaltig unter Druck, seitdem Trump Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium aus der EU verhängt hat. Zwar laufen Verhandlungen zwischen Brüssel und Washington über potentielle Ausnahmen, aber die von der EU erhobenen Vergeltungszölle gegen amerikanische Produkte weisen darauf hin, dass mit einer Einigung nicht zu rechnen ist.

Dennoch erfolgte der bisher schwerste Schlag am 6. April mit der Verhängung von Sanktionen gegen russische Industriebosse und ihre Firmen. Obwohl die Sanktionen erst später in diesem Jahr in Kraft treten werden, sind die Folgen für Europa – und Deutschland – vorhersehbar düster.

Die EU bezieht einen Großteil ihrer Rohstoffe für diverse Industrien wie Auto- und Maschinenbau, sowie dem Baugewerbe aus Russland, vor allem Rohaluminium. Durch die Sanktionen gegen Rusal, dem weltweit zweitgrößten Aluminiumproduzenten, wurde die EU faktisch von der Aluminiumversorgung abgeschnitten. Deutschland importiert fast ein Drittel seines Aluminiumbedarfs aus Russland, das meiste davon von Rusal.

Kein Wunder also, dass Versorgungsengpässe die deutsche Autoindustrie und ihre Zulieferer, hauptsächlich Unternehmen des Mittelstands, hart treffen könnten. Dies wäre katastrophal, immerhin ist der Mittelstand das Herz des deutschen Wirtschaftsmotors und stellt 60 Prozent aller Arbeitsplätze in der Bundesrepublik. Dementsprechend alarmierend war die Warnung des Industrieverbands Wirtschaftsvereinigung Metalle. In einem Positionspapier mahnte der Verband, dass die Sanktionen „erheblichen Einfluss auf die Handelsströme“ hätten, mit der Folge, dass der „der ganze Wirtschaftsstandort Deutschland leiden“ werde.

Klar ist allerdings auch, dass nicht nur Deutschland leiden wird. Immerhin ist die gesamte Industriebasis der EU ebenfalls betroffen. Da die gesamte globale Aluminiumversorgung unterbrochen wird und nur wenige Ausweichmöglichkeiten auf alternative Versorger existieren, steht die Konjunktur des gesamten europäischen Kontinents auf dem Spiel.

Genau aus diesem Grund ist die Tatsache, dass der deutsche Wirtschaftsmotor vor allem dank des Zuwachses an Aufträgen aus der EU brummt mit äußerster Vorsicht zu genießen. Die starke Abhängigkeit vom EU-Markt ist unter diesen – zugegebenermaßen speziellen – Umständen genauso ein Manko wie der Mangel an diversifizierten Aufträgen aus dem nicht-EU Ausland.

Der Handelskrieg schlägt zurück

Trotzdem – wenn Trump glaubt, die USA werden am Ende als strahlender Sieger dastehen, irrt er. Der im Namen von „Make America Great Again“ betriebene, immer weiter auswuchernde Protektionismus wird den USA letztendlich selber erheblichen Schaden zufügen, vor allem, wenn der Eskalationskurs mit China und der EU beibehalten wird.

Zum einen werden sich die Preise vieler Produkte für amerikanische Konsumenten erhöhen. Zum anderen werden viele in den USA ansässige Firmen – egal ob amerikanisch oder nicht – den Standort USA überdenken um Einfuhrzölle zu umgehen. Harley-Davidson hat als erstes amerikanischen Unternehmen diesen radikalen Schritt [VIDEO] getan, sehr zum Missfallen Trumps. Daimler und BMW denken bereits ebenfalls darüber nach, die Produktion ihrer Fahrzeuge von ihren Werken in den USA nach China zu verlegen. Ansonsten sehen sie China als Absatzmarkt in Gefahr.

„Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen“ hatte Trump einst getönt. Aber wer Wind säht, wird Sturm ernten. Dies gilt für die USA als auch für Europa. Deutschland und die EU sind gut beraten, sich auf stürmische Zeiten einzustellen.