Es ist eigentlich eine ganz einfache Rechnung, die Gerald Knaus, der Vorsitzende der Europäischen Stabilitätsinitiative, am Mittwochabend bei Markus Lanz aufmachte: Durch das Hin- und Herschieben innerhalb von Europa gibt es keinen einzigen Migranten [VIDEO] weniger. Die Lösung besteht, laut Knaus, nur in der Kooperation mit den Herkunftsländern.

Gerald Knaus gilt als der Vordenker des Flüchtlingsdeals mit der Türkei und kann die neuen Pläne überhaupt nicht nachvollziehen. Laut Knaus wird es durch die geplanten Rückführungsabkommen in Deutschland noch viel mehr Migranten geben. Nur deshalb hätten auch so viele Staaten begeistert bei dem geplanten Abkommen eine Zusage gegeben.

Und so begründet Knaus seine Einschätzung:

Frankreich hat bei dieser Praxis steigende Asylanträge

Knaus: "Die Franzosen versuchen das seit 2013, an 500 Kilometer Landgrenze an Italien und die schicken immer wieder Leute zurück. Die haben ein Abkommen mit Italien. In den fünf Jahren, seit die Franzosen Grenzkontrollen haben, ist die Zahl der Asylanträge in Frankreich um 30 000 gestiegen." Knaus weiter: "Der Innenminister von Italien hat vor Kurzem gesagt, in den letzten fünf Monaten haben die Franzosen 10 000 Leute zurückgeschickt." Viele von diesen würden es am nächsten Tag direkt noch einmal probieren. Das sei für die Menschen in der Grenzregion extrem unangenehm. Die Beziehung der Länder zueinander habe sich durch das Abkommen verschlechtert.

Kompromiss unrealistisch

Laut Knaus bedeutet der Kompromiss der Union, dass das Dublin-System jetzt umgesetzt werde.

"Nach 20 Jahren, in denen es keinem europäischen Land gelungen ist, dieses System umzusetzen." In der griechischen Presse werde Ministerpräsident Alexis Tsipras für sein Verhandlungsgeschick gelobt. Denn dafür, dass ein paar, in Griechenland registrierte Flüchtlinge zurückgeschickt werden dürften, verpflichte sich Deutschland von Griechenland Flüchtlinge, im Sinne der Familienzusammenführung, von Griechenland zu nehmen. Und damit sei davon auszugehen, dass Deutschland viel mehr Flüchtlinge nehmen muss, als zurückgeschickt werden können.

Lösungen liegen teilweise vor der Haustür

Der Migrationsexperte sagt: "Was wir brauchen, ist eine Politik, die zeigt, wir können unsere Grenzen kontrollieren, wir können die Anzahl der Leute, die in die Boote steigen, bis Ende des Jahres reduzieren." Das könne geschehen, indem Menschen, die keinen Schutz brauchen, in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. In Italien hätten neun von zehn Migranten keinen Anspruch, nach internationalem Recht, auf Schutz.

Niederlande als Modell

Also besonderes positives Beispiel für gelungene Asylverfahren, nannte Knaus die Niederlande und die Schweiz. In den Niederlanden sei entschieden worden, dass es im Interesse aller sei, wenn Verfahren schnell und fair ablaufen. Dafür sei es auch wichtig, dass Anwälte zur Verfügung stehen würden, schon für den ersten Prozess. Weil dann könne ein Richter in einem Berufungsverfahren auch viel schneller entscheiden.

In den Niederlanden sei Ter Apel das wichtigste Zentrum. Knaus habe es selbst mehrfach besuchen können, um zu überlegen, wie das System zum Beispiel auf den griechischen Inseln installiert werden könne. Was ihn beindruckt habe, sei die Professionalität und der Pragmatismus in Ter Apel. Zum Beispiel würden Mobiltelefone sofort untersucht. So würde zum Beispiel auffallen, wenn jemand von sich sagt, dass er Syrer sei und alle Kontakte im Telefon aus Ägypten kommen.

Professionell sei auch die Befragung. Vorher gebe es ein Woche Zeit für die Vorbereitung. Gesundheitschecks würden durchgeführt, Nicht-Regierungs-Organisationen hätten Zugang. Antragsteller, die sich durch das Erlernen von Daten aus einem anderen Land, unberechtigt Asyl [VIDEO] erlangen wollten, würden auffallen. Es gebe eine Einheit von Experten in der Asylbehörde, die schon während des Gesprächs aus einem riesigen Datenpool Feedback geben könnten. Eventuell angelerntes Wissen könne in Ter Apel in Echtzeit hinterfragt werden.

SPD beraten und folgenden Vorschlag gemacht

Knaus betonte, als Chef der Europäischen Stabilisierungsinitiative, dass er am Montag von der SPD um eine Beratung gebeten worden sei und dort folgenden Rat gegeben habe: In Griechenland solle auf Kosten der EU ein Zentrum nach dem Beispiel von Ter Apel geführt werden.

Jedes Land solle umgehend einen Politiker oder hohen Beamten ernennen, de sofort mit den Haupt-Herkunftsländern verhandeln. Als Gegenzug könnten Stipendien und Kontigente angeboten werden, die eine reguläre Einwanderung ermöglichen. So könne auch, laut Knaus, dem Sterben im Mittelmeer Einhalt geboten werden.