Diego Armando Maradonna. Dieser Name verzückt Napoli-Fans noch immer. Der argentinische #Fußball-Gott führte die Azzurri 1987 zum ersten Scudetto. Erstmals in der Geschichte des Calcio triumphierte ein Klub südlich von Rom über die millionenschweren Top-Klubs wie AC Milan oder Juventus Turin aus dem Norden. Der arme Süden zeigte dem verhassten Norden die ganz lange Nase. Dafür lieben die Neapolitaner Maradonna noch heute.

Von der Camorra zur Seifenoper

Aktuell steht der SSC Napoli so gut da wie seit der zweifachen Meisterschaft sowie dem UEFA-Cup-Sieg in den 80ern nicht mehr. Der Erfolg hat einen Vater und viele Söhne.

Nach dem wegen Drogenkonsums und Steuerhinterziehung erzwungenen Abgang Maradonnas wurde die Leidensbereitschaft der Tifosi auf eine harte Probe gestellt. Der Verein häufte immer mehr Schulden an. Es folgte der Abstieg 1998 in die Serie B. 2004 belief sich der Schuldenberg auf 70 Millionen Euro. Lizenzentzug und Konkurs waren die Folge.

Jetzt schlug die große Stunde von Aurelio De Laurentis. Der mit Seifenopern reich gewordene italienische Filmproduzent kaufte um 29 Millionen Euro die Vereinsrechte. Der Neustart erfolgte in der dritten italienischen Liga. Eine Euphoriewelle schwappte vom Vesuv über die Metropole. Gegen Mannschaften wie Avellino oder Reggiana peitschten mehr als 60.000 Tifosi im Stadio San Paolo ihre Mannschaft nach vorne. Es folgte der Aufstieg in die Serie B. 2007 dann die umjubelte Rückkehr in die höchste italienische Spielklasse.

Dabei hörte De Laurentis bei den Verpflichtungen auf die richtigen Einflüsterer. Heutige Stars wie Edinson Cavani, Gonzalo Higuaín oder Ezequiel Lavezzi wurden zum Schnäppchenpreis eingekauft, waren absolute Publikumsmagneten und wurden einige Saisonen später zu astronomischen Summen abgegeben. Für Higuain beispielsweise blätterte Juventus Turin 90 Millionen Euro hin. Dank einem kräftigen Transferüberschuss und einer harten Hand des exzentrischen Präsidenten schreibt die Società Sportiva Calcio Napoli seit Jahren schwarze Zahlen. Für 2017 gibt der Klub ein Betriebsergebnis von 37 Millionen Euro bei einem Umsatz von 143 Millionen Euro an.

Maradonnas Söhne

Aktuell ist die in Napoli stets große Erwartungshaltung auf viele Schultern aufgeteilt. Leithammel der Azzurri ist Marek Hamsik. Der Slowake kam 2007 um 5,5 Millionen Euro von Brescia an den Fuß des Vesuvs. Der Kapitän hat in den vergangenen zehn Jahren Angebote diverser Top-Klubs ausgeschlagen. Für diese Vereinstreue lieben ihn die Tifosi.

Er hat es ihnen mit mehr als 100 Pflichtspieltoren gedankt. Damit hat er bewerbsübergreifend öfter genetzt als Maradonna. Hamsik ist das Herzstück der sehr starken Offensive. Flankiert wird er vom gebürtigen Neapolitaner Lorenzo Insigne und dem spanischen Flügelflitzer Josè Callejòn. Insigne stand selbst oft im Stadio San Paolo unter den Tifosi und feuerte den SSC Napoli an. Seit 2012 spielt er die Gegner auf der linken Seite schwindelig und nun jubeln ihm die Massen zu. Der italienische Nationalspieler hat jüngst sogar ein Offert von Barcelona abgelehnt, um weiterhin in der Stadt seines Herzens zu spielen. José María Callejón kam 2013 von Real Madrid. Der Rechtsfuß ist dribbelstark und äußerst torgefährlich.

Ganz vorne hat sich eine Notlösung zum absoluten Bomber entwickelt. Im Sommer 2016 holte Napoli Arkadiusz Milik von Ajax Amsterdam als Mittelstürmer. Der Pole verletzte sich kurze Zeit später schwer, fiel monatelang aus. In die Bresche sprang Dries Mertens. Der gerade einmal 1,69 Meter große Belgier übertraf mit seiner Performance selbst die kühnsten Träume des Trainerstabs. In insgesamt 46 Spielen von Serie A, Champions League und Coppa Italia schoss der Teamspieler in der Saison 2016/17 beeindruckende 34 Tore und lieferte 15 Assists. Auch in der aktuellen Saison ist Mertens kaum vom Ball zu trennen und trifft und trifft und trifft.

Generell hat Napoli einen ausgewogenen Kader. Routiniers wie Torwart Pepe Reina, Raúl Albiol oder Christian Maggio geben den Jungen wie Amadou Diawara, Piotr Zielinski oder Marko Rog den nötigen Halt. Die multinationale Truppe hat einen Marktwert von 435 Millionen Euro. Bändiger der 25 Söhne des Vesuvs ist Maurizio Sarri. Der 59-Jährige wurde drei Kilometer vom Stadio San Paolo entfernt geboren. Er zog mit seiner Familie in die Toskana. Dort verdiente er sich seine Brötchen als Banker. Nebenbei coachte er in der letzten italienischen Liga. Er arbeitete sich innerhalb von 24 Jahren durch alle italienischen Spielklassen und stieg 2014 mit dem FC Empoli in die Serie A auf. 2015 verpflichtete der SSC Napoli den kauzigen Trainer. Sarri lässt aggressiven Angriffsfußball spielen und hat damit die Herzen seiner Spieler sowie der Tifosi gleichermaßen erobert. Hamsik und Co. schossen in der vergangenen Saison 94 Tore. Um 17 mehr als Meister Juventus Turin. Der Werdegang von Sarri ist kitschiger als es die Filme seines Präsidenten Laurentis sein könnten.

Demut und eine blaue Autowerkstatt

Trotz seiner unkonventionellen Art – Sarri lässt sich etwa bei jedem Training einen Café an die Seitenlinie servieren – geht der Erfolgscoach mit Demut an seine Aufgabe heran. Genauso wie der Trainer wissen auch die Spieler, welche Bedeutung der SSC Napoli für Millionen Süditaliener hat. 1904 von englischen Migranten gegründet, gilt das Jahr 1926 nach Fusionen und einer Neugründung durch den neapolitanischen Unternehmer Giorgio Ascarelli als das Geburtsjahr des Klubs. Da es bis heute keinen zweiten Verein in Napoli gibt, steht die Stadt wie ein Mann hinter dem SSC Napoli. Selbst in den touristischen Vierteln blitz eine Napoli-Fahne hier, ein Napoli-Graffiti dort hervor. Der calcio ist im Alltag der Neapolitaner tief verwurzelt. Da ist eine in azurblau gehaltene Autowerkstatt, die über und über mit Napoli-Artikeln der Gazzetta dello Sport voll gepflastert ist, nichts außergewöhnliches. Auch die Bar Nilo mitten auf der wichtigsten Einkaufsstraße Via Toledo passt gut ins Bild. Deren Besitzer hat einen Maradonna-Schrein gebastelt. Inklusive einer Ampulle mit Tränen sowie einem Haar des argentinischen Ausnahmekönners.

Wer die Begeisterungsfähigkeit der Neapolitaner auch nur ansatzweise verstehen möchte, sollte den Gang ins Stadio wagen. Das San Paolo im Stadtteil Fuorigrotta fasst offiziell 60.000 Zuseher und ist die drittgrößte Fußballarena Italiens. Zu Zeiten Maradonas waren bis zu 100.000 Tifosi in dem 1959 errichteten Stadion. Je näher man dem San Paolo kommt, desto bestimmender wird die Farbe azurblau. Bei den zahllosen Fanständen gibt es vom Ultras-Schal über das Esel-Maskottchen bis zum offiziellen Trikot alles zu erwerben. Zigtausende Tifosi tummeln sich vor der zuletzt 2010 renovierten Arena. Tickets für die Curva A und Curva B sind ab zwölf Euro zu haben. Rein ins Stadion und die Ohren kommen sich vor wie bei einem AC/DC-Konzert: Ob groß oder klein, alle stehen und die ohrenbetäubenden Gesänge steigern sich bis ins Delirium. Und immer noch hallen „Diego, Diego“ Sprechchöre durch das weite Rund. Wie zu Zeiten des ersten Scudetto-Gewinns vor 30 Jahren. #Fussball #Funny video